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Sprungbrett in den Beruf: Preisträger der ''Annual International Graduation Show'' ziehen erste Bilanz. Junge Schmuckkünstler zwischen Anspruch und Markt-Realität

Wie bewältigen junge Schmuckkünstler den Übergang vom Studium zur selbstständigen Arbeit am Markt? Können sie mit ihrer künstlerischen Arbeit den Lebensunterhalt verdienen oder müssen sie Kompromisse in Richtung Kommerz eingehen? Im Vorfeld der ''Annual International Graduation Show'', die zum sechsten Mal auf der MIDORA Leipzig (9. bis 11. September 2006) avantgardistischen Schmuck von Diplomanden aus aller Welt zeigt, ging die Leipziger Messe dieser Frage nach. Fünf ehemalige Preisträger geben Auskunft, wie sie sich nach dem Eintritt ins Berufsleben weiterentwickelt haben: Zoe Bassi (Großbritannien), Yu-Chun Chen (Niederlande/Taiwan), Erik Kuiper (Niederlande), Carla Nuis (Niederlande) und Ann Schmalwaßer (Deutschland).

Die gute Nachricht: Bei allen fünf verlief der Start ins Berufsleben erfolgreich. Einige betreiben bereits ein eigenes Atelier, stellen erfolgreich aus und verkaufen, andere sind noch auf der Suche nach den richtigen Partnern und Möglichkeiten. Alle sehen ihre Zukunft positiv. Kaum einer glaubt, künstlerische Ausdrucksweisen zugunsten des Kommerzes und der Verkaufbarkeit aufgeben zu müssen. Statt dessen beziehen die Künstler den geschäftlichen Aspekt als neue Herausforderung in die Gestaltung ihrer Arbeiten mit ein.

Wert des Schmucks vertreten

Eine zusätzliche Grafikausbildung durchläuft derzeit Ann Schmalwaßer, die an der Burg Giebichenstein Halle studierte. Sie will ihren künstlerischen Schmuck künftig durch zeichnerische Elemente bereichern und in einer Ausstellung Kunstschmuck zusammen mit Bildern präsentieren. Dafür eine passende Galerie zu finden, ist aber nicht so einfach, hat die junge Künstlerin erfahren. ''Es ist sehr aufwändig zu recherchieren, zu welcher Galerie meine Art von Kunst passen würde.''

Bei der Realisierung ihrer Aufträge wählt Ann einen Mittelweg: Der Schmuck muss künstlerisch gut sein und ihre Handschrift tragen, aber auch im Alltag tragbar sein. Besonders freut es sie, dass sich nicht nur ''Gutbetuchte'' für ihre Kreationen interessieren. Zwar kostet ein Stück mindestens 100 bis 500 Euro, aber Ann Schmalwaßer hat beobachtet: ''Wer sich das nicht leisten kann, spart darauf oder lässt es sich schenken. Wichtiger als der Preis ist das Interesse an der Einzigartigkeit des Stücks.'' Dabei fällt es ihr nicht immer leicht, den Wert, der hinter dem Unikat steht, auch gegenüber dem Kunden zu vertreten.

Bevor Erik Kuiper aus Holland die Kunsthochschule absolvierte, besuchte er eine Technische Hochschule. Er arbeitet heute nicht nur als Schmuckdesigner, sondern auch im Hochbau, um Geld hinzuzuverdienen. Durch Förderprogramme will er nun mehr Freiraum für die Schmuckgestaltung gewinnen. Kuipers Themen sind Geborgenheit, Schutz und Sicherheit, versinnbildlicht in den drei ''Häuten'' des Menschen: Haut, Kleidung und Haus. Er hatte bereits einige hochkarätige Ausstellungen, so in München und Washington, und wird von einer führenden Galerie der Kunstschmuckszene betreut. Sein Erfolgsrezept heißt, sich selbst treu zu bleiben. ''Ich will Arbeiten schaffen, die inhaltlich bedeutsam für mich sind'', sagt der junge Künstler. ''Ich glaube, dass es dafür einen Markt gibt. Niemals würde ich einen einfachen oder billigen Kompromiss eingehen, um den Markt für mich zu erweitern!'' Eine große Herausforderung sieht er darin, die künstlerische Schmuckgestaltung weiter zu entwickeln und sich der interessantesten Frage zu widmen: ''Warum überhaupt trägt der Mensch Schmuck?''

Förderchancen wahrnehmen

Was die Ausschöpfung von Fördermöglichkeiten betrifft, ist die Holländerin Carla Nuis um einiges weiter. Schon vor ihrem Studium am Royal College of Art in London war sie freiberufliche Designerin. Heute gestaltet sie sowohl individuelle künstlerische Arbeiten als auch kommerzielle Schmuckstücke, die ihr den Freiraum für erstere ermöglichen. "Ich bin in der glücklichen Lage, von meiner Kunst leben zu können", stellt sie fest. "Durch die guten Finanzierungshilfen in den Niederlanden ist das möglich." Carla ist überzeugt, dass man sich als Künstler mit Förderprogrammen auskennen sollte. Zudem profitiert sie vom weltweit hohen Ansehen, den künstlerischer Schmuck aus Holland genießt: "Ich verkaufe Arbeiten an Galerien, Museen und Einzelpersonen in Rom, Lissabon, London und in den USA."

Für die Engländerin Zoe Bassi war es vor allem die "Annual International Graduation Show" der MIDORA, die ihren Blick für potenzielle Märkte im Ausland schärfte. "In Leipzig haben sich die besten jungen Schmuckkünstler aus aller Welt präsentiert. Dass ich dabei war, hat mein Selbstvertrauen für künftige Ausstellungen gesteigert." Ein einjähriges Postgraduiertenstudium am Edinburgh College of Art gab ihr die Möglichkeit, neue Techniken und Materialien auszuprobieren. Parallel stellte sie ihre Arbeiten aus, sowohl repräsentativ als auch zum Verkauf. Derzeit sucht Zoe Bassi Räume für ein eigenes Studio und will sich um Unterstützung beim lokalen Künstlerkonzil bewerben, um Materialien und Handwerkszeug anzuschaffen. Bei der Association for Contemporary Jewellery kümmert sie sich um Kontakte mit anderen regionalen Künstlern.

Obwohl sich ihre Arbeit und die Nachfrage gut entwickeln, erwartet Zoe nicht, schon davon leben zu können: "Ich setze wie die meisten Neueinsteiger fast das gesamte Einkommen wieder ein", sagt sie. "Seit ich ständig ausstelle, bin ich mir darüber klarer geworden, welche Arbeiten sich eher verkaufen. Wenn ich die Themenbreite und die eingesetzten Materialien betrachte, ist meine Arbeit 'kommerzieller' geworden. Aber ich versuche immer, das Charakteristische beizubehalten."

Auch der in den Niederlanden lebende Taiwanesin Yu-Chun Chen gab die Graduation Show in Leipzig vielerlei Anregungen, ihre Ideen weiterzuentwickeln. Derzeit richtet sie ein eigenes Atelier ein, sendet Arbeiten an Galerien, beteiligt sich an Messen und Shows und weitet so ihre Kontakte aus. Einzelausstellungen in Taiwan und Portugal brachten einen großen Motivationsschub. Dennoch: "Der finanzielle Aspekt ist wohl das Schwierigste bei der Arbeit als freie Künstlerin", räumt sie ein. "Zuweilen braucht es starke Willenskraft und Mut, um auch Zurückweisungen und Rückschläge zu akzeptieren."

Zwar hat Yu-Chun seit ihrem Abschluss genug Arbeit, doch sei es immer noch schwer, nur vom Verkauf des Schmucks zu leben. Eine unüberwindbare Grenze zwischen künstlerischer Ausdrucksweise und dem kommerziellen Aspekt sieht sie trotzdem nicht: "An der Universität tendieren Studenten dazu, diese beiden Pole als Gegensatz zu betrachten. Aber auch der Kunstschmuck soll ja getragen werden. Deshalb plädiere ich dafür, die Trägerin oder den Träger in das Konzept gedanklich mit einzubeziehen."

Einzelkämpfer im betriebswirtschaftlichen Dschungel

Wie Yu-Chun sind die meisten jungen Schmuckkünstler auf der Suche nach dem für sie richtigen Weg. Auch die Arbeitsorganisation will erst einmal gelernt sein. Ann Schmalwaßer zum Beispiel fällt es zwar nicht schwer, die selbstständige Arbeit in ihrem Atelier und das Zusatzstudium miteinander zu verbinden. Problematisch aber ist die Büroorganisation und die geschäftlichen Seite des Beruf: "Das hat anfangs viel Zeit gekostet, zumal ich durch das Studium nicht darauf vorbereitet war." Heutige Studenten der Burg Giebichenstein haben es einfacher: Inzwischen bietet die Hochschule Existenzgründungskurse und Einzelcoachings zu Themen wie Steuer oder Verkaufspsychologie an. Daran nimmt Ann gelegentlich teil, ebenso wie an Workshops mit anderen jungen Künstlern.

Auch Carla Nuis fand es schwierig, sich in Verwaltungsarbeiten und Steuerverordnungen hineinzufinden und zugleich repräsentative Kollektionen zu kreieren. Aber: "Auf der anderen Seite ist es wunderbar, sein eigener Chef zu sein und Träume wahr werden zu lassen", schwärmt sie. Zoe Bassi lernte in einem speziellen Seminar an der Hochschule, mit Geschäftsplänen und betriebswirtschaftlichen Aspekten umzugehen. Solche Erfahrungen hat Yu-Chun Chen vermisst: "Eine Einführung in Marketing, Preiskalkulation, Verkauf sowie praktische Kurse über Steuer- und Finanzplanung wären hilfreich gewesen", findet sie. Dem schließt sich Erik Kuiper an: "An der Kunsthochschule wird man gut ausgebildet, was die künstlerische Seite angeht. Aber wie bringt man seine Kreationen dann auf den Markt? Dieses Know-how hat mir gefehlt." Vielleicht wird Erik selbst einmal mit dafür sorgen, dass der Marketingaspekt beim Studium besser berücksichtigt wird, denn sein Ziel ist es, selbst Lehrer an einer Kunsthochschule zu werden.

Die "Annual International Graduation Show" wurde im Jahr 2000 ins Leben gerufen und präsentiert alljährlich avantgardistischen Schmuck, der von Absolventen internationaler Kunst- und Designhochschulen kreiert wurde. Für 2006 hat Kuratorin Marie-José van den Hout (Galerie MARZEE, Nijmegen/Niederlande) erneut rund 100 Arbeiten aus 25 Hochschulen in aller Welt ausgewählt

(Quelle: Midora, Uhren- und Schmucktage Leipzig - Leipziger Messe)

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Bild: Den kompletten Familienschmuck verarbeitete Ingrid Römmich, Absolventin der Fachhochschule für Gestaltung Pforzheim, in ihrer Diplomandenarbeit "Lured and spit out" ("Angelockt und ausgespuckt"). Karoline Finke von der Burg Giebichenstein Halle (rechts) präsentiert das schwergewichtige Exponat, das mit einem stabilen Ledergürtel am Hals befestigt wird, in der "Annual International Graduation Show" der MIDORA Leipzig (10. bis 12. September 2005). Leichter hat es Nadine Marquardt (links), die eine Kette aus überdimensionalen Porzellankugeln - kreiert von Elize Hiiop von der Kunstakademie Tallinn - angelegt hat. Die Diplomandenschau zeigt 75 künstleri­sche Schmuckarbeiten aus 31 Design-Hochschulen Europas, Japans, Australiens und der USA. (Foto: Leipziger Messe GmbH / Tom Schulze)

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© 2001-2006 by uhren-schmuck-shops.de Samstag, 26. Mai 2012

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